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Marktkommentar April 2020

Stresstest

Die Coronavirus-Pandemie ist ein gesellschaftlicher Stresstest, der in keinem „Lehrbuch“ zu finden ist. Dieses zeigt sich beispielhaft in den sozialen Netzwerken in Deutschland, wo sich zwei Gruppen gebildet haben. Die einen tun Vorsorgemaßnahmen als „übertrieben“ ab, die anderen kritisieren, dass das Land nicht längst abgeriegelt ist. Eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen ist es, Entscheidungen nach medizinischen, sozialen, psychologischen, ethischen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten zu gewichten. Covid-19 bedeutet jedoch nicht das Ende der Globalisierung, sondern eine gewisse Neuordnung der globalen Strukturen. Abschottung und Isolation führen nicht zu einer besseren Zukunft. Es geht sowohl um die Stärkung lokaler Strukturen sowie globaler Systeme und deren Institutionen. Die Wirtschaft und die Gesellschaft können mit den richtigen Weichenstellungen, von den Gesundheitssystemen bis zur Digitalisierung, robuster und resilienter werden als zuvor. 

Wir wollen uns in diesem Marktkommentar auf die Perspektiven für Anleger nach Corona konzentrieren. Denn eines ist sicher: es wird eine Zeit nach Corona geben, auch wenn die Auswirkungen des Virus zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich höchst ungewiss sind und von der Dauer, dem Ausmaß und der geografischen Ausbreitung der Epidemie abhängen. Wir wollen unsere Analyse vom März noch um ein paar weitere Gedanken ergänzen. Im März schrieben wir:

 

Über Corona hinausdenken

„Es hat 89 Jahre gedauert, bis ich das erlebt habe“ Warren Buffet

 

Wie soll man in der wohl schwierigsten globalen Herausforderung seit der Weltwirtschaftskrise 1929 die passenden Worte finden? Für fast alle Menschen in Europa und in vielen Ländern weltweit bedeutet diese Situation ein absolutes Novum. Gewohnheiten und Verhalten müssen geändert werden. Isolation und Vermeidung von sozialen Kontakten sind Themen, deren Umsetzung uns verständlicherweise schwerfällt. Für Humor ist an dieser Stelle kein Platz, gleichwohl sollten wir Vertrauen in unser eigenes Handeln haben und den Blick für gründliche Analysen in dieser Krise beibehalten. Für jeden Langfristanleger ist es in dieser Marktphase, die von panischen Reaktionen und Zwangsliquidationen vieler Anleger dynamisiert wird, wichtig, sich ein Bild zu machen, wie die „Anlagewelt“ nach Corona aussieht. Panik führt in jeder Situation zu falschen Entscheidungen. Vorsicht ja, Panik und Kopflosigkeit nein. Wir wollen hier versuchen aufzuzeigen, welches volkswirtschaftliche Szenario wir nach Corona am Wahrscheinlichsten halten und welche Auswirkungen das auf die einzelnen Anlageklassen haben dürfte. Eines haben die letzten Tage gezeigt: Die Notenbanken werden die Dosis der Maßnahmen noch weiter erhöhen. So hat allein die amerikanische Notenbank Fed innerhalb der letzten Tage einen Billionenbetrag in die Märkte injiziert und die Zinsen auf nahe 0% gesenkt.

 

Die aktuelle Entwicklung um das Coronavirus Covid-19 ist ohne Frage historisch, insbesondere nachdem die Vereinigten Staaten einen Einreisestopp für Menschen aus den 26 Staaten des Schengenraums beschlossen haben. Trotzdem sollten die Auswirkungen weniger dramatisch sein, als es die Finanzmärkte derzeit „spielen“. In historischen Krisen waren steigende Zinsen oft der Auslöser. Doch dieses Mal sind die Zinsen historisch tief, selbst in den USA. Somit bleiben Aktien und Gold langfristig relativ attraktiv.

 

Kurzfristig besteht aber weiterhin die Sorge, dass die Infektionszahlen in einigen Ländern sprunghaft ansteigen, und das könnte an den Märkten noch für ein paar Wochen für Verunsicherung sorgen. Doch schon aktuell befindet sich die Stimmung der Marktteilnehmer auf einem so tiefen Niveau, dass man sich kaum noch eine weitere Eskalation vorstellen kann. Der Angst/Gier-Indikator von CNN, der anhand von sieben Parametern die Stimmung der Anleger misst, liegt aktuell bei historisch tiefen 2 von 100 Punkten, was extreme Panik der Anleger bedeutet. Oft zeigen solche Daten, dass die zittrigen Hände dann großenteils verkauft haben. Zudem wird nahezu alles um jeden Preis verkauft, selbst Gold. Somit scheint es einen starken Liquiditätsbedarf einiger Anlegergruppen zu geben. Wahrscheinlich müssen nun auch die Anleger verkaufen, die versucht haben, ihr Anlageergebnis durch hohe Kreditaufnahme zu verbessern. Durch den Rückgang der Vermögenspreise sind sie nun gezwungen, ihre Kredite zurückzuzahlen.

 

Es besteht eine gute Wahrscheinlichkeit, dass die Coronakrise in China, Italien und Südkorea ihren Zenit erreicht hat bzw. kurz davorsteht. Zudem werden die Notenbanken bereit sein, Liquidität bereitzustellen. Des Weiteren dürfte die letzte Zinssenkung und der tiefe Ölpreis zeitverzögert eine positive konjunkturelle Wirkung entfalten und den Konsum anschieben. Zunächst wird sich die wirtschaftliche Lage aber wohl verschlechtern. Je schlechter die Situation wird, desto größer dürften die Fiskalpolitischen Maßnahmen aus Steuersenkungen, Subventionen oder anderer Zuführungen sein. Daraus könnte sich dann langsam eine Inflation entwickeln, die die Vermögenspreise noch einmal erheblich anschieben könnte.

 

Wichtig ist nun, zwei oder drei Schritte weiterzudenken. Und zwar halten wir folgende Überlegungen für wahrscheinlich:

 

  • Die Zinswelt nach Corona wird eine noch tiefere sein. Mit den USA fällt die letzte Zinsbastion der Industrieländer. Aktien und Gold bleiben somit langfristig die attraktivsten Anlageformen. Die langanhaltende Tiefzinsphase ist der Kern unseres anlagestrategischen Weltbildes.
  • Branchenseitig wird es aber wahrscheinlich große Unterschiede, auch in der Erholungsphase, geben. Schwierig wird es für Unternehmen, die über ein schwaches Immunsystem verfügen, schlecht finanziert sind oder wie die Hotel- und Touristikbranche stark von Rückgängen betroffen sein dürften. Wir favorisieren Technologie /Gesundheit/Nahrung/Infrastruktur. Wir wollen auf eine globale Aufstellung achten.
  • Ein Goldanteil im Portfolio erscheint weiterhin sinnvoll. Denn Gold ist wie eine Feuerversicherung im Depot, die gegen Krisen im Finanzsystem schützen soll. Sie ist also wie eine Police, von der jeder hofft, dass er sie nie braucht.

 

Die Vermögenspreisinflation, die bei uns in den vergangenen Jahren primär auf dem Immobilienmarkt zu sehen war, dürfte den Aktienmarkt nach Corona erreichen. Es werden aber nicht alle Branchen gleichermaßen profitieren, unseres Erachtens könnten aber die Bewertungen von Qualitätsaktien weiter steigen. Gold wird mit Blick auf den globalen Abwertungswettlauf der Währungen ebenfalls attraktiv bleiben. Immobilienbesitzer müssen wohl mit Regulierung und höheren Steuern rechnen. Es ist wichtig, vor lauter Virusangst die wichtigen strategischen Entscheidungen – und damit auch den Fokus auf Sachwerte in einem diversifizierten Depot – nicht aus dem Blick zu verlieren. Eine aktive Bewirtschaftung (Quotensteuerung) bleibt weiterhin ein wichtiger Bestandteil unserer Gesamtstrategie.

 

Goldminen erwiesen sich zuletzt noch nicht als der von uns erhoffte stabilisierende Faktor. Wir sind dennoch davon überzeugt, dass die derzeit hohe Schwankung kein Indiz für ein hohes Risiko ist. Die Bewertungen des Sektors bewegen sich auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten und das obwohl der Goldpreis in vielen Währungen nahe dem historischen Höchstpreis notiert und die Energiekosten zuletzt stark rückläufig waren. Unser Ausblick für Gold bleibt positiv. Wir gehen davon aus, dass die Notenbanken die Geldmengen massiv ausweiten werden. M2 (Geldmenge bestehend aus Ersparnissen und Geldeinlagen) war historisch ein guter Treiber der Goldpreisentwicklung. Sie stieg seit dem Ende des Bretton Woods Abkommens jährlich um 6% an, der Goldpreis verbesserte sich um 7% p.a. Jetzt liegt das US Geldmengenwachstum bei knapp 10%, Tendenz steigend. Wir rechnen im Goldminensektor mit zunehmend attraktiven Free Cash Flow- und Dividendenrenditen.

 

Die Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken haben sich mittlerweile konkretisiert. Die Europäische Zentralbank will dem Markt 750 Milliarden Euro an Liquidität zuführen, die EU hat die Schuldenbremsen ausgesetzt, die Bundesregierung will 600 Milliarden Euro bereitstellen und die USA haben ein 2,2 Billionen-Konjunkturpaket geschnürt. All diese Maßnahmen erhöhen die Schulden. Die Geld- und Zinspolitik der Notenbanken ist aber an die Grenzen ihrer Wirksamkeit gestoßen. Es ist also zunehmend direkte Staatsnachfrage notwendig – der Staat tritt dabei selbst als Käufer von Waren und Dienstleistungen, zum Beispiel für Infrastrukturinvestitionen, auf. Schulden müssen allerdings irgendwann zurückgezahlt oder gestrichen werden. Die Rückzahlung ist unserer Meinung nach mittlerweile ausgeschlossen. Deswegen plädieren Ökonomen, wie z.B. der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Kenneth Rogoff schon seit Jahren für die Abschaffung des Bargelds und Negativzinsen von 4% Prozent. So könnte man Bankguthaben schleichend enteignen: innerhalb von 16 Jahren hätten Sie noch die Hälfte ihres Wertes. Mit der Bail-in-Richtlinie (Gläubigerbeteiligung) der Europäischen Union können Sparguthaben zudem zur Sanierung maroder Banken herangezogen werden. Auch in dieser Krise werden Aktien und Gold also sehr wahrscheinlich wichtige langfristige Wertspeicher sein. Ja, 2020 wird es bei den meisten Unternehmen Gewinneinbrüche geben. Aber gute Unternehmen mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell dürften auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen. Ein wichtiger Rückschluss aus diesen Überlegungen und somit ein weiterer wichtiger Aspekt für Sachwerte dürfte es sein, dass die Wahrscheinlichkeit von Inflation erheblich gestiegen ist. Das Coronavirus sorgt, wie die Ölkrise in den Siebzigerjahren, für einen Angebotsschock und weniger für einen Nachfrageschock. Die Produktionsausfälle sind stark. Ein geringeres Angebot trifft jedoch jetzt auf ein höheres Geldangebot. Eine deutliche Zunahme von Inflation dürfte somit mittelfristig die Folge sein.

 

Wenn wir abschließend noch einen etwas allgemeineren Blick in die Zukunft werfen wollen, sollten wir uns immer vergegenwärtigen, dass sich die meisten Dinge nicht so negativ entwickeln wie wir das erwarten. Das lehrt zumindest die Vergangenheit. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Elroy Dimson beschrieb dieses treffend mit der Aussage „Risiko ist, wenn mehr passieren kann als passieren wird“. Lesenswert ist auch der Beitrag des Zukunftsforschers Matthias Horx, der dafür wirbt, die Zukunft aus einem imaginierten Rückblick zu betrachten. Denn häufig sehen wir beim „in die Zukunft schauen“ primär unüberwindbare Hürden, die sich vor uns auftürmen. Wenn alles vorbei ist, sind wir nicht selten überrascht, wie weniger schlimm die Entwicklungen im Rückblick waren. Solche Barrieren sind der Grund, weshalb Angstszenarien einfacher zu vermitteln sind als positive Perspektiven. Wahrscheinlich werden wir in einigen Monaten erstaunt sein, dass die Weltwirtschaft so stark schrumpfen konnte, ohne zu zerbrechen. Auch dürfte es wahrscheinlich sein, dass erfolgreiche Therapien gegen das Virus gefunden werden und zudem dürfte es ein breites Spektrum geben an disruptiven Innovationen und positiven Veränderungen, die die Krise initiieren wird.

Fazit:

Die Spiekermann & CO AG war mit strategischer Liquidität und einer breiten Aufstellung auf eine Marktkorrektur vorbereitet. Ein globales Pandemieszenario, das in einer Liquiditätskrise mit Rekordgeschwindigkeit mündet, die nahezu alle Anlageklassen belastet hat, konnten wir allerdings im Vorfeld nicht prognostizieren, auch weil es dafür nahezu keine historischen Vergleiche gibt. Unser großes Weltbild hat sich durch die Corona-Krise jedoch kaum verändert. Die tiefen Zinsen haben unserer Meinung nach langfristig eine viel größere Bedeutung für die Finanzmärkte als das Corona-Virus. Tiefe Zinsen auf lange Zeit bedeuten, dass Aktien und Gold relativ attraktiv bleiben und durch die Kurskorrektur eher noch attraktiver geworden sind.  Die Spiekermann & CO AG hat daher die strategische Liquidität im ersten Quartal 2020 für Aktienkäufe eingebracht. Aber auch Unternehmensanleihen sind wieder attraktiver geworden, da die schwierige Liquiditätssituation an den Märkten zu tieferen Preisen und somit höheren Renditen geführt hat.

Entwicklung der Aktienmärkte 2020
Die Aktienbewertungen (Kurs-Gewinnverhältnis) in den USA und Deutschland sind aktuell wieder deutlich attraktiver geworden.
Berücksichtigt man die Inflation, ist Gold noch weit weg von seinem Höchststand aus dem Jahr 1980. Inflationsbereinigt (also nach Abzug der Inflation) wäre der Goldpreis erst auf einem Niveau von ca. 2.850 US-$ (aktuell 1.600 US-$) auf dem Niveau von 1980.