Interview Mirko und Joe III

Interview mit Joe Bausch

Zwischen Zellengitter und Parkett

Zwischen Zellengitter und Parkett

Ein Dialog über Gier, Angst und die Kunst der Selbstbeherrschung

EINFÜHRUNG: ZWEI WELTEN, EINE PSYCHE

Auf den ersten Blick könnten die Erfahrungswelten kaum unterschiedlicher sein: Hier die glänzenden Fassaden der Finanzmärkte, wo Milliarden auf Knopfdruck bewegt werden; dort der harte Vollzugsalltag hinter dicken Mauern, geprägt von menschlichen Abgründen, Versuchung und Kontrollverlust. Und doch offenbart der genaue Blick eine überraschende Parallele: Sowohl an der Börse als auch im Gefängnis offenbart sich das menschliche Entscheidungsverhalten in seiner reinsten Form. Weder der Börsenkurs noch die Straftat entstehen in einem luftleeren Raum rationaler Logik. Beide sind das Produkt von Emotionen, Urinstinkten, irrationalen Denkmustern und vor allem der ständigen Versuchung der Abkürzung. Für diese Sonderausgabe des Spieker trafen sich Vermögensverwalter Mirko Kohlbrecher und der bekannte Arzt und Autor Joe Bausch zu einem außergewöhnlichen Gedankenaustausch über das, was unser Handeln wirklich lenkt – zwischen Gehirnforschung, Börsenpsychologie und den Lehren des Lebens.

 

Interview Mirko und Joe I

Joe Bausch und Mirko Kohlbrecher im Interview

MIRKO KOHLBRECHER

Herr Bausch, wenn ich mich in meinem Beruf als Vermögensverwalter umsehe, vergleiche ich das Parkett manchmal scherzhaft mit einem geschlossenen Biotop. Wir hantieren täglich mit Zahlen, Charts und Fundamentaldaten. Doch je länger ich das mache, desto klarer wird mir: Die größten Risiken eines Depots sitzen selten in den Bilanzen der Unternehmen, sondern meist genau zwischen unseren Ohren. Sie haben Jahrzehnte im Strafvollzug verbracht und unzählige Lebensgeschichten analysiert. Ist der Mensch im Grunde doch viel steuerbarer von seinen Trieben, als er sich in seiner eigenen Rationalität einzubilden pflegt?

JOE BAUSCH 

Absolut, Herr Kohlbrecher! Und glauben Sie mir, die Jungs im Knast und Ihre Mandanten im feinen Zwirn trennt oft viel weniger, als man im ersten Moment glaubt! Hinter den dicken Mauern in Werl habe ich über dreißig Jahre lang eines gelernt: Der Mensch ist ein Meister darin, sich selbst zu belügen. Wir halten uns alle für rational, besonnen und vorausschauend. Aber wenn Verlangen, Gier oder Panik ins Spiel kommen, schaltet das Großhirn ab und das Stammhirn übernimmt das Kommando. Ein Einbrecher plant meistens nicht das perfekte Verbrechen auf Zehnjahressicht. Er sieht die schnelle Beute – die goldene Uhr auf dem Nachttisch. Der unmittelbare Impuls verdrängt jede Wahrnehmung des langfristigen Risikos. Dass er dafür fünf Jahre einsitzen könnte, verdrängt er in dieser Sekunde komplett.

MIRKO KOHLBRECHER

Das deckt sich exakt mit der modernen Behavioral Finance. Der Verhaltensökonom und Nobelpreisträger Daniel Kahneman nennt das die Unterscheidung zwischen System 1 und System 2. System 1 ist unser schnelles, emotionales, impulsives Denken – es verbraucht kaum Energie und reagiert in Millisekunden. System 2 ist das langsame, anstrengende, analytische Denken. An der Börse sehen wir genau dieses Drama: Ein Anleger hat einen grundsoliden Sparplan, erzielt verlässliche Dividenden. Und dann liest er im Internet von jemandem, der angeblich mit einer Hype-Aktie über Nacht 50 Prozent Gewinn gemacht hat. Schlagartig übernimmt System 1. Die Disziplin ist weg, der schnelle Kick wird gesucht. Es ist wie beim klassischen Psychologie-Experiment, dem Marshmallow-Test: Ein Kind sitzt vor einem Bonbon. Es bekommt ein zweites, wenn es zehn Minuten wartet. Aber der Reiz des sofortigen Belohnungszentrums ist für viele einfach unerträglich groß.

JOE BAUSCH

(lacht) Der Marshmallow-Test! Wenn Sie den im Gefängnis durchführen würden, hätten Sie eine extrem hohe Erfolgsquote bei der Identifikation künftiger Wiederholungstäter! Impulskontrolle – das ist das Zauberwort. Wer seine Impulse nicht steuern kann, landet früher oder später auf der Verliererstraße. Aber wissen Sie, was fast noch stärker wirkt als die Gier nach dem schnellen Belohnungskick? Es ist der Herdentrieb und die Panik vor der Ausgrenzung. Im Strafvollzug gibt es eine ganz eigene Gruppendynamik. Ein Einzelner würde vielleicht nie auf die Idee kommen, eine Meuterei anzuzetteln oder eine Straftat zu begehen. Aber wenn die Meute losrennt, schließt man sich an. Aus Angst, sonst das Opfer oder der Außenseiter zu sein. Man schaltet den eigenen Verstand aus und rennt der Masse hinterher.

MIRKO KOHLBRECHER

Das Phänomen Herdentrieb kenne ich nur zu gut von den Finanzmärkten! James Montier, einer der profiliertesten Köpfe für Value-Investing und Kapitalmarktpsychologie, hat das auf den Punkt gebracht: „Es ist emotional extrem komfortabel, falsch zu liegen, solange alle anderen auch falsch liegen. Aber es ist verdammt ungemütlich, alleine recht zu haben.“ Wenn die Kurse steigen und alle in einen Trend wie beispielsweise Künstliche Intelligenz investieren, kommen Unternehmer zu mir und sagen: „Herr Kohlbrecher, ich kann doch nicht der Einzige sein, der hier gefühlt etwas verpasst!“ Das ist die pure Angst, aus der Herde isoliert zu werden. Sie kaufen auf dem absolut astronomischen Höchststand – und ein Jahr später fragen sie sich mit schweißnassen Händen, was sie da eigentlich erworben haben.

JOE BAUSCH

Der Mensch sucht eben Bestätigung, keine Fakten! In meiner Praxis im Knast saßen oft Typen, die mir stundenlang erklärt haben, warum ausgerechnet ihr Plan absolut narrensicher war und warum die Polizei nur durch einen unglücklichen Zufall auf sie aufmerksam wurde. Sie ignorieren alle Warnsignale im Vorfeld und suchen nur nach Hinweisen, die ihre eigene Sicht stützen. Man nennt das in der Psychologie Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias. Wenn der Hochstapler oder der Heiratsschwindler der Frau erzählt, er sei ein verkanntes Genie, dann glaubt sie ihm nicht wegen seiner Fakten – sondern weil seine Geschichte so wunderbar zu ihren unerfüllten Träumen passt. Wir wollen gute Geschichten glauben!

Interview Joe Bausch I

Joe Bausch

MIRKO KOHLBRECHER

Genau das erleben wir bei Vermögensentscheidungen auch immer wieder. Wenn ein Verkäufer verspricht: „Diese Aktie wird sich garantiert verdoppeln“ oder „Immobilien können niemals fallen“, schlägt die Stunde der Geschichtenerzähler. Fakten werden zweitrangig. Doch der größte Denkfehler betrifft den Umgang mit emotionalen Schmerzen. Kahneman hat die Verlustaversion mathematisch nachgewiesen: Der Schmerz eines finanziellen Verlustes wiegt emotional etwa doppelt so schwer wie die Freude über einen gleich hohen Gewinn. Wenn ein Portfolio um 50.000 € steigt, nickt der Kunde erfreut. Fällt es um 50.000 €, schläft er wochenlang nicht. Das führt in Krisen zu katastrophalen Fehlentscheidungen: Menschen verkaufen im tiefsten Tal aus purer Panik, nur um den Schmerz abzuschneiden – genau dann, wenn man eigentlich gelassen nachkaufen müsste.

JOE BAUSCH

Das kenne ich aus dem Krisenmanagement im Knast. Angst ist ein schlechter Ratgeber, weil sie den Horizont auf den nächsten Atemzug verengt. Unter Angst gibt es nur noch Totstellen, Flucht oder Angriff. Aber verraten Sie mir eines, Kohlbrecher: Sie treffen täglich auf erfolgreiche Menschen, Unternehmer, Vermögende. Müssten die durch ihren Erfolg nicht immun gegen solche emotionalen Kurzschlüsse sein? Oder schützt Geld etwa doch nicht vor den eigenen Dämonen?

MIRKO KOHLBRECHER

Überhaupt nicht! Ich hatte neulich das Gespräch mit einer extrem erfolgreichen Unternehmerin, die ihre Firma für einen zweistelligen Millionenbetrag verkauft hatte. Objektiv betrachtet müsste diese Frau nie wieder in ihrem Leben auch nur einen Gedanken an finanzielle Sorgen verschwenden. Aber wissen Sie, was ihre erste Frage im Beratungsgespräch war? „Herr Kohlbrecher, was passiert, wenn alles verloren geht?“ Das war keine finanzielle Schätzung, sondern eine reine Emotion. Wenn man da tiefer bohrt, merkt man: Die Angst stammte nicht aus ihrer aktuellen Bilanz, sondern aus ihrer Kindheit – Eltern mit Geldsorgen, Existenzängste in den Anfangsjahren. Menschen reffen Geldentscheidungen selten auf der Basis von Nacktzahlen. Sie treffen sie auf der Basis ihrer persönlichen Lebensgeschichte.

JOE BAUSCH

Ein volles Bankkonto kann eben keine seelischen Narben heilen! Das zeigt doch wunderschön: Wenn die Leute sagen, sie wollen unbedingt „Rendite“, meinen sie im Grunde ihres Herzens etwas ganz anderes. Sie meinen Sicherheit, Freiheit, Orientierung und die Beruhigung ihrer tief sitzenden Ängste. Sie wollen im Grunde nachts einfach nur ruhig schlafen können! Dann sind Sie als Vermögensberater im Grunde gar kein Mathematiker oder Produktverkäufer, sondern eher ein Seelenfänger, Therapeut und Leitplanken-Bauer?

MIRKO KOHLBRECHER

Sie treffen den Nagel auf den Kopf, Herr Bausch! Ein wirklich guter Vermögensberater verkauft keine komplizierten Finanzprodukte. Er stellt die richtigen Fragen. Er muss die Werthaltungen des Kunden verstehen, seine familiäre Prägung, seine Ängste. Und seine wichtigste Aufgabe in stürmischen Börsenzeiten ist es, als verlässlicher Anker zu fungieren. Wir müssen verhindern, dass der Kunde in der Krise seinen eigenen emotionalen Impulsen erliegt und sein Erspartes aus einer Laune heraus zerstört. Wir sind sozusagen die Disziplin auf Abruf, der Schutzwall gegen das eigene System 1.

JOE BAUSCH

Da schließt sich der Kreis zu meiner Arbeit. Ob auf der Anklagebank, in der Zelle oder an der Börse: Der Mensch bleibt ein faszinierendes, fehlerhaftes Wesen. Aber die gute Nachricht ist: Wer seine eigenen Schwachstellen kennt – seine Gier, seine Verlustaversion, seinen Hang zur Herde –, der kann lernen, damit umzugehen. Man braucht Leitplanken, Regeln und manchmal jemanden, der einen festhält, wenn der Verstand kurz Pause macht.

MIRKO KOHLBRECHER

Ein wunderbares Schlusswort. Wer die Psychologie versteht, beherrscht nicht nur das Risiko im Depot, sondern gewinnt auch die Souveränität über das eigene Handeln. Lieber Herr Bausch, ich danke Ihnen herzlich für dieses erhellende und mitreißende Gespräch!

Gesprächspartner

Mirko Kohlbrecher: Vermögensverwalter, Prokurist & Experte für Finanzpsychologie bei Spiekermann & CO AG.
Joe Bausch: Langjähriger Gefängnisarzt (JVA Werl), Bestsellerautor, Schauspiel-Legende (u.a. Tatort-Gefängnisarzt Dr. Joseph Roth).
 

Newsroom

Weitere Beiträge

Person bedient ein Smartphone mit dem Finger und zeigt einer anderen Person etwas darauf

SaaS-Apokalypse bleibt aus: KI verändert, wofür Unternehmen bei Software bezahlen

Agentische KI kann Aufgaben über mehrere Anwendungen hinweg übernehmen und setzt damit das klassische Lizenzmodell pro Nutzer unter Druck. Gleichzeitig steigen die weltweiten Softwareausgaben weiter kräftig.
Beitrag lesen Zum Newsroom