Ein Berater zeigt einem Kollegen auf einem Bildschirm eine Statistik

IPOS als Anlagechance: Wachstum einkaufen, Governance prüfen

Börsengänge öffnen den Zugang zu Unternehmen, die lange im privaten Kapitalmarkt geblieben sind. Der geplante Börsengang von SpaceX zeigt jedoch, dass starke Wachstumsstorys nur dann tragfähig sind, wenn Bewertung, Transparenz und Aktionärsrechte zueinander passen.

Viele wachstumsstarke Unternehmen gehen heute deutlich später an die Börse als noch vor 20 Jahren. Ein erheblicher Teil der Wertsteigerung entsteht damit bereits im privaten Markt, vor allem bei Private-Equity- und Venture-Capital-Investoren, die beim IPO Liquidität generieren wollen. Der öffentliche Investor kauft in diesem Moment ein bereits großes, komplexes Unternehmen zu einer Bewertung, die hohe Erwartungen einpreist. Genau hier liegt das strukturelle Spannungsfeld: Die Faszination der Wachstumsstory und der tatsächliche Investmentcase müssen sorgfältig getrennt werden. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht „Wächst dieses Unternehmen?“, sondern „Zu welchem Preis, unter welchen Bedingungen und mit welchen Rechten kaufe ich?“

SpaceX als größter IPO der Geschichte?

SpaceX verdeutlicht dieses Spannungsfeld exemplarisch. Das Unternehmen bereitet nach Medienberichten einen Börsengang vor, der mit einer angestrebten Bewertung von bis zu 1,75 Billionen US-Dollar der größte IPO der Geschichte werden könnte. Zum Vergleich: Das entspricht etwa dem 150-fachen des zuletzt berichteten Jahresumsatzes von rund 11,8 Milliarden US-Dollar – ein Vielfaches dessen, womit selbst hochbewertete Raumfahrt- oder Tech-Infrastrukturpeer-Groups handeln. Die operative Attraktivität ist nachvollziehbar: Satelliteninternet (Starlink), Raumtransport, staatliche NASA- und Pentagon-Aufträge und perspektivische Weltrauminfrastruktur bilden Märkte ohne direkten börsennotierten Vergleichswert. Aber: Laut „Wall Street Journal" kontrollierte Elon Musk über Class-B-Aktien mit Stimmrechtsmehrheit rund 85 Prozent der Stimmrechte; öffentlich angebotene Class-A-Aktien hätten ein deutlich geringeres Stimmgewicht. Eine Aktie, die wirtschaftliche Teilhabe bietet, aber kaum Mitspracherecht gewährt, ist kein Standardinvestment. Governance-Abschläge dieser Größenordnung müssen durch entsprechend höhere Renditeerwartungen kompensiert werden und explizit in das Mandat passen.

Klarna zeigt, wie verschieden ein IPO strukturiert sein kann. Das schwedische Fintech ging im September 2025 in New York an die Börse, platzierte mehr als 34 Millionen Aktien zum Ausgabepreis von 40 US-Dollar und eröffnete bei 52 US-Dollar, also mit einem Ersttagesaufschlag von knapp 30 Prozent bei einem Emissionserlös von rund 1,37 Milliarden US-Dollar. Die Bewertung lag beim Börsengang bei rund 15 Milliarden US-Dollar, was einem Umsatzmultiple von ca. dem 3,5-fachen entsprach. Das ist moderat im Vergleich zu Wettbewerbern wie Adyen (damals ca. achtfachen Umsatz) oder Block. Die investmentrelevanten Risiken lagen nicht in der Bewertung, sondern im Geschäftsmodell: Kreditqualität im Buy-Now-Pay-Later-Segment zyklisch anfällig, Regulierungsdruck in der EU, intensiver Wettbewerb mit Banken und Payment-Infrastrukturanbietern. Wer beim IPO eingestiegen ist, hat den Ersttagesaufschlag bezahlt und damit das Preis-Risiko erhöht – ein typisches Muster, das sich statistisch bei ca. 60 Prozent aller IPOs wiederholt: Starke Ersttage, gefolgt von Underperformance in den ersten zwölf Monaten.

Prüfung von Preis, Transparenz und Governance

Für die Asset Allocation gilt: IPOs können sinnvoll sein, wenn sie Geschäftsmodelle erschließen, die im bestehenden börsennotierten Universum nicht abbildbar sind – Raumfahrtinfrastruktur, KI-Rechenkapazität oder spezialisierte Zahlungsplattformen. Vier Prüfpunkte sollten dabei nicht verhandelbar sein: Die Verwendung des Emissionserlöses ist ein entscheidender Faktor: Dient er dem Wachstum des Unternehmens oder primär dem Exit früher Investoren? Die Bewertungsrelation ist ebenfalls von Bedeutung: Wie verhält sich das KGV, EV/EBITDA oder EV/Sales im Vergleich zu börsennotierten Peers und historischen IPO-Comps? Die Governance-Struktur spielt eine wichtige Rolle: Gibt es Dual-Class-Aktien, Verwässerungsschutz, eine bestimmte Board-Zusammensetzung oder Lock-up-Fristen (typischerweise 90 bis 180 Tage, mit erheblichem Verkaufsdruck danach)? Schließlich ist die Portfoliorolle zu berücksichtigen:  Ist das Unternehmen eine thematische Beimischung, bietet es Zugang zu einem neuen Markt oder wird es nach Indexaufnahme ein künftiger Benchmark-Faktor?

IPOs bleiben eine Anlagechance, aber keine Abkürzung. Wer an großen Wachstumsstorys teilnehmen will, sollte Preis, Transparenz und Governance mit derselben Disziplin prüfen wie das operative Wachstumspotenzial. Starke Marken rechtfertigen keine strukturellen Governance-Abschläge, sie verdecken sie nur.

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