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Halo-Trade: Von KI profitieren, ohne von KI ersetzt zu werden

Der KI-Boom hat die Kursentwicklung in vielen Märkten auf wenige sehr große Titel konzentriert und damit neue Klumpenrisiken erzeugt. Zugleich entsteht ein realwirtschaftlicher Investitionszyklus: Anlagebausteine mit physischer Kapitalbindung, regulierten Erträgen oder stabiler Alltagsnachfrage können in diesem Umfeld als Gegengewicht dienen.

Von Mirko Kohlbrecher, Prokurist und Vermögensbetreuer bei der Spiekermann & CO AG

 

Die KI-Revolution wird an der Börse häufig entlang von Produkten und Services wie Halbleiter, Plattformen und Software bewertet. In der Realwirtschaft muss die notwendige Rechenleistung jedoch gebaut, versorgt und betrieben werden. Energie, Netzverfügbarkeit, Rohstoffe und Co. werden damit zu Engpassfaktoren, an denen sich Nachfrage und Investitionsbudgets materialisieren. Wer Portfolios gegen die Risiken einer stark konzentrierten und schwankungsreichen KI-Bewertung absichern will, kann deshalb außerhalb der klassischen „KI-Gewinner“ nach Ertragsquellen suchen, die an diese physischen Voraussetzungen geknüpft sind. Der Begriff „Halo-Trade“ („Heavy Assets, Low Obsolescence“ / „hohe Anlagen, geringes Obsoleszenzrisiko“) beschreibt in diesem Zusammenhang, wie Kapital in Vermögenswerte gelenkt wird, die im Schatten der KI-Investitionen stabile Cashflows generieren, weil sie auf schwer ersetzbarer Infrastruktur, Regulierung oder grundlegender Konsumnachfrage beruhen. Der „Halo“ („Heiligenschein“) liegt darin, dass die KI-Welle indirekt Nachfrage erzeugt, ohne dass das Geschäftsmodell dieser „Halo“-Unternehmen selbst von KI ersetzt werden kann oder mit jeder KI-Produkteinführung veraltet.

 

Energieversorger stehen in diesem Zusammenhang weit oben, weil sie zwei Eigenschaften kombinieren: planbare Ertragsmechanik und ein strukturelles Nachfrageargument. Der zentrale Punkt ist nicht der kurzfristige Strompreis, sondern Lieferfähigkeit. Netzausbau, gesicherte Kapazität, Speicher und langfristige Abnahmeverträge werden zu investierbaren Engpassleistungen, die im KI-Umfeld stärker nachgefragt werden. Regulatorische Rahmenbedingungen und Kapitalkosten bleiben der bestimmende Hebel, ob das erwartete Wachstum tatsächlich in stabile Renditen übersetzt wird. Ein zweiter Baustein sind Basiskonsumgüter. KI kann Prozesse effizienter machen und die Kostenbasis verbessern, sie entzieht aber nicht den Bedarf an Produkten des täglichen Lebens. In Portfolios liefern Unternehmen aus dem Staples-Segment häufig Cashflows, die weniger von technischer Obsoleszenz abhängen, sondern von Distribution, Markenstärke und Preisdurchsetzung. Im Vergleich zu hoch bewerteten Wachstumsnarrativen ist die Ertragslogik in der Regel nachvollziehbarer und stärker am operativen Geschäft verankert.

 

Rohstoffe ergänzen diesen Ansatz, weil die KI-Investitionen physische Inputs binden. Stromerzeugung, Netze, Rechenzentren und Fertigungskapazitäten benötigen Metalle, Chemikalien und Energie. Rohstoffe verhalten sich jedoch nicht wie Qualitätsaktien; die Preisdynamik ist zyklisch, und die Angebotsreaktion kann verzögert, aber spürbar sein. Der Nutzen liegt vielmehr in der Diversifikation, insbesondere wenn Rohstoffe als Inputkosten in anderen Sektoren auf die Margen drücken und dadurch Korrelationen im Depot verändern. Infrastruktur verbindet dabei viele Elemente des Halo-Gedankens. Mautstraßen, Häfen, Schienennetze, Stromnetze und ausgewählte Versorgungsinfrastruktur sind kapitalintensiv, schwer replizierbar und oft über Konzessionen oder regulierte Mechanismen abgesichert. Erträge hängen hier stärker an Auslastung, Vertragsstruktur und Finanzierungskosten als an kurzfristigen Modetrends. Gerade deshalb ist die Analyse der Verschuldung, der Laufzeiten und der Preisformeln entscheidend, weil der Bewertungshebel in der Refinanzierung liegt.

 

Die Implikationen fürs Portfolio ergeben sich aus der Trennung von Ertragsquellen. Ein Halo-Korb aus Versorgern, Basiskonsumgütern, Rohstoffen und Infrastruktur kann die Abhängigkeit von einem eng gefassten KI-Narrativ reduzieren und zugleich an der Investitionswelle partizipieren, die KI in der realen Welt auslöst. Der Nutzen entsteht nicht durch Etiketten, sondern durch Konstruktion: Zielgewichte, Risikobudgets und ein konsistenter Prozess verhindern, dass sich neue Klumpenrisiken aufbauen. In einem Markt, in dem Konzentration lange gut gehen kann und dann abrupt umschlägt, ist diese Disziplin ein eigenständiger Renditefaktor.

 

Eine strategische Integration in das Portfolio ergibt sich daraus entlang der Risikoquellen. Bei Aktien geht es um die Frage, welche Länder- und Sektorbausteine wirklich im Depot landen und ob die Ertragsquellen hinreichend breit sind. Bei Anleihen geht es um die bewusste Entscheidung zwischen Spreadrisiko in Hartwährung und Zins- sowie Währungsrisiko in Lokalwährung, jeweils mit klar definierten Grenzen für Liquidität, Emittentenqualität und Konzentrationen. Schwellenländer werden dadurch zu einem Baustein, der Diversifikation liefern kann, aber nur dann, wenn die Konstruktion diszipliniert erfolgt und die Risikotreiber transparent bleiben.

 

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