Schwellenländer-Aktien und -Anleihen wieder in die Allokation aufnehmen
Schwellenländer standen in den vergangenen Jahren häufig im Schatten der USA, obwohl sie einen großen Teil des globalen Wachstums und der Rohstoff- sowie Industriewertschöpfung abbilden. Die lange Phase relativer Underperformance hat die Ausgangsbasis aber nun verändert.
von Mirko Kohlbrecher, Prokurist und Vermögensbetreuer bei der Spiekermann & CO AG
Die relative Entwicklung von Schwellenländeraktien gegenüber US-Aktien zeigt große Spannweiten. In den frühen 1990er Jahren lag das Verhältnis des MSCI Emerging Markets zum S&P 500 grob im Bereich von 0,4 bis 0,6 und stieg bis zur Mitte der Dekade auf Werte um 1,2 bis 1,4. In der anschließenden Schwächephase fiel es bis 1998/1999 auf etwa 0,25 zurück. Von dort aus folgte bis 2010/2011 erneut ein ausgeprägter Aufwärtsabschnitt bis in die Nähe von 0,9 bis 1,0. Seit diesem Hoch nahm das Verhältnis über viele Jahre ab und bewegte sich zuletzt nur noch um 0,18 bis 0,25. Zur Einordnung: Ein Wert von 1,0 bedeutet, dass Schwellenländer und US-Aktien seit dem jeweiligen Startpunkt gleich stark gelaufen sind; Werte oberhalb von 1,0 stehen für eine Outperformance der Schwellenländer, Werte unterhalb von 1,0 für eine Outperformance der USA. Diese Streuung spricht weniger für lineare Trends als für Zyklen, in denen die Ausgangsbewertung und der globale Kapitalfluss den Ausschlag geben.
Hohe Marktkapitalisierung heute in asiatischen Industrieländern
Bei Aktien spricht vor allem die Kombination aus Bewertungsabschlag und Gewinnbasis für eine erneute Prüfung. Schwellenländer handeln über längere Zeiträume häufig günstiger als US-Aktien, was das höhere Risiko in Teilen reflektiert: politische Eingriffe, schwächere Institutionen, geringere Transparenz und in einzelnen Märkten eingeschränkte Aktionärsrechte. Für die Portfoliokonstruktion ist entscheidend, ob dieser Risikoaufschlag angemessen vergütet wird und ob das Depot bereits über andere Positionen ähnliche Risikotreiber enthält. Hinzu kommt eine Verschiebung innerhalb des Universums: Ein relevanter Teil der Marktkapitalisierung liegt heute in asiatischen Industrieländern und Technologielieferketten, während einzelne Länderklumpen weiterhin dominieren. Dadurch wird die Länder- und Sektorzusammensetzung zur eigentlichen Stellschraube.
Bei Anleihen ist die Begründung anders und in der Regel unmittelbarer an Zins- und Währungsmechanik gekoppelt. Schwellenländeranleihen sind kein homogenes Segment. Hartwährungsanleihen verhalten sich oft ähnlich wie Unternehmensanleihen mit erhöhtem Kreditrisiko, weil sich die Risiken über Spreads materialisieren. Lokalwährungsanleihen tragen zusätzlich das Wechselkursrisiko, dafür kommen Zinsniveaus und Inflationsdynamiken ins Spiel, die von den Kernmärkten abweichen. In mehreren großen Schwellenländern hat der Ausbau lokaler Kapitalmärkte die Bedeutung der heimischen Finanzierung erhöht, wodurch sich Marktstruktur und Liquiditätsprofile verbessert haben. Gleichzeitig bleibt die Verwundbarkeit gegenüber Kapitalabflüssen bestehen, insbesondere dann, wenn der US-Dollar stark ist und US-Zinsen steigen.
Schwellenländer können die Diversifikation unterstützen
Damit rückt der Dollarzyklus als verbindendes Element zwischen Aktien- und Anleiheallokation in den Fokus. Eine Phase ausgeprägter Dollarstärke wirkt häufig belastend, weil Finanzierungskosten steigen, Kapital in den US-Markt gezogen wird und Währungen unter Druck geraten. Umgekehrt kann eine Stabilisierung oder Abschwächung des Dollars die Risikoprämien entlasten, ohne dass dafür ein makroökonomisches Wunder nötig wäre. In der Praxis bedeutet das: Schwellenländer reagieren oft weniger auf eine einzelne Nachricht als auf das Zusammenspiel von globaler Liquidität, US-Zinsniveau und Risikobereitschaft.
Eine strategische Integration in das Portfolio ergibt sich daraus entlang der Risikoquellen. Bei Aktien geht es um die Frage, welche Länder- und Sektorbausteine wirklich im Depot landen und ob die Ertragsquellen hinreichend breit sind. Bei Anleihen geht es um die bewusste Entscheidung zwischen Spreadrisiko in Hartwährung und Zins- sowie Währungsrisiko in Lokalwährung, jeweils mit klar definierten Grenzen für Liquidität, Emittentenqualität und Konzentrationen. Schwellenländer werden dadurch zu einem Baustein, der Diversifikation liefern kann, aber nur dann, wenn die Konstruktion diszipliniert erfolgt und die Risikotreiber transparent bleiben.
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