Silber und Gold im Aufwind: Euphorie spricht für Rebalancing
Gold und Silber werden seit Jahren von strukturellen Faktoren getragen. Gleichzeitig hat die jüngste Preisbewegung die Risikostruktur verschoben, weil Gewinne in kurzer Zeit entstanden sind und Positionierungen spürbar „heiß“ laufen können. Wer Edelmetalle als strategischen Baustein versteht, kommt deshalb an der Frage nicht vorbei, wie viel davon im Depot tatsächlich gewollt ist.
von Mirko Kohlbrecher, Prokurist und Vermögensbetreuer bei der Spiekermann & CO AG
Gold hat sich in den vergangenen Quartalen zunehmend von einem reinen Inflationsnarrativ gelöst und stärker als Reserve- und Diversifikationsanker etabliert. Ein belastbarer Indikator sind die Zentralbanken: Sie haben 2024 netto 1.045 Tonnen Gold zugekauft, allein im vierten Quartal waren es 333 Tonnen, wie das World Gold Council herausstellt. Diese Nachfrage ist insofern relevant, als sie tendenziell langsamer reagiert als typische Anlegerströme und damit eine Stabilisierung auf der Nachfrageseite erzeugen kann. Parallel dazu ist Gold wieder deutlicher in börsennotierte Investmentvehikel zurückgekehrt: Im dritten Quartal 2025 verzeichneten beispielsweise goldgedeckte ETFs globale Zuflüsse von 222 Tonnen (Wert: 26 Milliarden US-Dollar), die Bestände stiegen zum 30. September 2025 auf 3.838 Tonnen.
Silber ist im selben Umfeld doppelt aufgestellt. Es besitzt monetäre Eigenschaften, wird aber zugleich in großem Umfang industriell verbraucht. Das prägt die Preisdynamik: In Phasen steigender Risikobereitschaft und knapper Verfügbarkeit kann Silber erheblich stärker ausschlagen als Gold, während es in Konjunkturdellen oft sensibler reagiert. Die Fundamentaldaten aus dem Silbermarkt liefern aktuell eine klare Begründung für die langfristige Einordnung. Die industrielle Nachfrage erreichte 2024 den Rekordwert von 680,5 Millionen Unzen, und der Markt wies im selben Jahr ein Defizit von 148,9 Millionen Unzen aus; über die Jahre 2021 bis 2024 summierte sich das Defizit laut Silver Institute sogar auf 678 Millionen Unzen. Diese Engstelle ist auch deshalb hartnäckig, weil ein erheblicher Teil der Förderung als Nebenprodukt anderer Metalle entsteht und kurzfristig nicht beliebig hochgefahren werden kann.
Silber zuletzt mit überschießenden Preisen
Vor diesem Hintergrund bleibt der langfristige Investmentcase für beide Edelmetalle intakt. Die taktische Lage hat sich seit dem 30. Januar 2026 jedoch deutlich verändert, weil auf die Rekordstände eine abrupte Korrektur folgte. Nach einem Hoch um 5.595 US-Dollar je Unze Gold und 121,67 US-Dollar je Unze Silber rutschten die Notierungen am 30. Januar zeitweise kräftig ab: Gold auf Größenordnungen um rund 4.770 US-Dollar und Silber auf ein Niveau von etwa 85 US-Dollar, was einem der stärksten Tagesrückgänge seit Jahrzehnten entspricht. Silber hat diese Bewegung wie häufig mit höherem Ausschlag vollzogen. In den Tagen davor zeigte sich ein Überschießen bis in den Bereich um 120 US-Dollar, anschließend lagen die Preise wieder deutlich tiefer, teils um 108 US-Dollar. Ein Teil dieser Dynamik erklärt sich aus Marktmechanik, nicht aus einem plötzlichen Bruch der Fundamentaldaten: Silber ist kleiner und weniger tief liquide als Gold; wenn viele Marktteilnehmer zugleich Positionen reduzieren müssen, fallen die Bewegungen stärker aus. Hinweise auf hohe physische Prämien in Shanghai von über 14 US-Dollar gegenüber westlichen Benchmarks passen dazu: Sie sprechen für Knappheit im physischen Markt, während an Terminbörsen und über börsengehandelte Vehikel Gewinnmitnahmen und zwangsweise Verkäufe schneller durchschlagen können.
Genau an dieser Stelle trennt sich strategische Überzeugung von taktischer Steuerung. Wer Gold und Silber langfristig als Absicherung gegen geldpolitische und geopolitische Risiken sowie als Diversifikationsbaustein hält, muss daraus keine kurzfristige Kehrtwende ableiten. Für die Portfoliosteuerung ist maßgeblich, welches Zielgewicht ursprünglich vorgesehen war und wie stark die jüngste Kursbewegung dieses Gewicht verschoben hat. Edelmetalle zeigen häufig eine ungleichmäßige Renditeverteilung: Ein beträchtlicher Teil der Gesamtbewegung fällt in wenige, kurze Zeitfenster, während dazwischen längere Phasen mit deutlich geringerer Dynamik liegen. In solchen Phasen kann Rebalancing sinnvoll sein, weil Gewinne in eine kontrollierte Depotstruktur überführt werden, ohne die Grundthese aufzugeben. Praktisch bedeutet das, den Edelmetallbaustein nach starken Anstiegen wieder an die strategisch definierte Zielgröße heranzuführen, statt ihn durch Kursgewinne schleichend zum dominanten Risikofaktor werden zu lassen.
Edelmetall-Baustein in Form von Gold- und Silberminen
Diese Logik gilt noch stärker, wenn das Exposure nicht über physisches Silber, sondern über Minenwerte abgebildet wird. Minenaktien reagieren häufig mit einem Hebel auf den Metallpreis, tragen aber zusätzlich operative Risiken (Kosteninflation, Projektverzögerungen, Jurisdiktion), Kapitalkosten und das allgemeine Aktienmarktrisiko. Ein Edelmetall-Baustein über Gold- und Silberminen ist deshalb kein Ersatz für Metall, sondern eine eigenständige Rendite-/Risikokategorie. Wer diesen Hebel bewusst nutzt, sollte das Risikobudget dafür umso konsequenter überwachen. In der Vermögensverwaltungspraxis kann das dazu führen, dass nach einer starken Rallye nicht die These geändert wird, die Gewichtung hingegen schon: Gewinne werden teilrealisiert, die Depotstruktur wird auf Zielwerte zurückgeführt, und das Exposure bleibt in einem Rahmen, der auch Rückschläge aushält.
Der Kern lässt sich damit präzise fassen: Gold und Silber sprechen weiterhin für einen Platz in der strategischen Allokation, weil Zentralbanknachfrage, Investorenströme und – bei Silber – ein strukturell enger Markt die langfristige Begründung stützen. Die aktuelle Preisphase spricht zugleich dafür, taktische Disziplin als Ergänzung und Rebalancing in diesem Kontext als Risikosteuerung zu verstehen, nicht als generelle Meinungsänderung.
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