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Währungsräume neu bewerten: Stabilität hängt auch an Energie und Nahrung

 

Währungen werden häufig über das Zinsgefälle zum Ausland, den Zustand der Staatsfinanzen und die außenwirtschaftliche Bilanz eingeordnet. In der aktuellen Lage tritt eine zweite Ebene stärker in den Vordergrund: die Versorgung mit Energie und Nahrungsmitteln als Teil der realwirtschaftlichen Robustheit.

 

Von Mirko Kohlbrecher, Prokurist und Vermögensbetreuer bei der Spiekermann & CO AG

 

Die klassische Währungsanalyse stützt sich auf zwei Größen: Tragfähige Staatsfinanzen reduzieren das Risiko abrupt steigender Risikoaufschläge, eine robuste Leistungsbilanz verringert die Abhängigkeit von laufender Kapitalzufuhr. Diese Logik bleibt richtig, greift jedoch zu kurz, wenn Energie- und Nahrungsmittelpreise sprunghaft reagieren oder Lieferketten gestört werden. Dann verschiebt sich die Frage hin zur Fähigkeit, externe Preisschocks zu absorbieren, ohne dass sich die Anpassung über eine dauerhafte Abwertungsspirale vollzieht.

 

Eine Ampelmatrix, die neben fiskalischen und politischen Parametern auch Öl-/Gasbilanz und Nahrungsbilanz einbezieht, macht diese Verschiebung sichtbar. Das Ergebnis ist nüchtern: Einige Währungsräume wirken in einzelnen Dimensionen stark, tragen jedoch strukturelle Verwundbarkeiten anderswo. Die USA kombinieren eine günstige Energie- und Nahrungsmittelposition mit einem Leistungsbilanzdefizit von zuletzt rund minus drei Prozent des und anhaltenden Schwächen in den Staatsfinanzen. Der US-Dollar bleibt dennoch aufgrund Markttiefe, Leitwährungsfunktion und hoher Handelsvolumina Referenzanker vieler Portfolios. Diese Eigenschaften können externe Defizite lange überdecken, machen sie aber nicht bedeutungslos. Die Eurozone zeigt ein anderes Profil: Der Leistungsbilanzüberschuss lag 2024 bei 2,8 Prozent des BIP (EZB), die Energieposition bleibt jedoch struktureller Schwachpunkt. Euro-Risiken lassen sich deshalb weniger über Schlagzeilen steuern als über die Sensitivität gegenüber Energieimportkosten und die Frage, ob industrielle Wertschöpfung in Europa dauerhaft wettbewerbsfähig bleibt.

 

Rohstoffexporteure wie Norwegen liefern über Energiebilanz und Außenwirtschaft starke Puffer – der Leistungsbilanzüberschuss belief sich 2025 auf rund 14 Prozent des BIP (IWF). Zugleich steigt die Zyklik, wenn Rohstoffpreise drehen. Japan erzielte 2025 mit umgerechnet rund 205 Milliarden US-Dollar einen Rekordüberschuss in der Leistungsbilanz; externer Vermögensstatus und politische Stabilität sind ein Gegengewicht zu hohen Staatsschulden und Energie- wie Nahrungsabhängigkeit – im Stressfall kann die Importseite bei gleichzeitigem Wechselkursdruck jedoch durchschlagen. China verbuchte 2025 mit 735 Milliarden US-Dollar (ca. 4,4 Prozent des BIP) einen historischen Leistungsbilanzrekord, trägt bei Öl und Gas aber ein klares Strukturdefizit, das in Krisenphasen schlagend werden kann. Brasilien weist trotz robuster Agrarexporte ein Leistungsbilanzdefizit von rund minus drei Prozent des BIP aus (2025, Banco Central do Brasil). Für Schwellenländer-Positionen generell gilt: Neben dem makroökonomischen Profil entscheiden Kapitalverkehrsbeschränkungen, Rechtsrahmen und Transaktionskosten beim Exit in Stressphasen über die praktische Verwendbarkeit – zentrale Due-Diligence-Kriterien, die vor der Allokation zu klären sind.

 

Für die Portfolioarbeit folgt daraus eine klare Implikation: Währungsrisiko ist ein eigenständiger Risikofaktor, dessen Treiber sich verschoben haben. In einem Umfeld mit geopolitischer Fragmentierung und wiederkehrenden Lieferkettenschocks gewinnt die Kombination aus fiskalischer Tragfähigkeit, außenwirtschaftlicher Balance und realwirtschaftlicher Versorgungssicherheit an Gewicht – neben Zinsdifferenzialen verdient die Terms-of-Trade-Anfälligkeit explizite Berücksichtigung in der Währungsallokation. Umsetzungsseitig stehen auf der defensiven Seite Devisentermingeschäfte oder gestufte Hedge-Quoten zur Reduktion von Währungsschwankungen im Gesamtportfolio. Aktiver lassen sich kurzlaufende Staatsanleihen hoher Bonität in ausgewählten Währungen oder Geldmarktinstrumente nutzen, um Währungsräume gezielt zu gewichten, ohne hohe Duration zu tragen. Eine Ampelmatrix ersetzt kein Makromodell, sie legt aber offen, wo klassische Kennzahlen blinde Flecken haben, und liefert die Grundlage für robuste Kombinationen statt der Suche nach der einen „richtigen" Währung.

 

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