Zum Hauptinhalt springen

Gold zwischen Rekordhöhen und neuen Realitäten

Gold steht 2025 im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Edelmetall erreichte Anfang September mit mehr als 3.500 Dollar pro Unze ein neues Allzeithoch, und erstmals seit fast drei Jahrzehnten übersteigen die Goldreserven der Zentralbanken deren US-Staatsanleihenbestände.

Von Mirko Kohlbrecher, Prokurist und Vermögensbetreuer bei der Spiekermann & CO AG

Eine bemerkenswerte Trendwende zeichnet sich ab: Der renommierte Ökonom Mohamed El-Erian bestätigte jüngst, dass die direkten Goldbestände der Zentralbanken nun erstmals seit 1996 deren US-Staatsanleihenbestände als Prozentsatz der Devisenreserven übersteigen. Diese strukturelle Verschiebung ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer bewussten Diversifizierungsstrategie, die durch die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre beschleunigt wurde. Konkrete Zahlen unterstreichen die Dimension dieses Wandels: Zentralbanken kauften 2024 zum dritten Mal in Folge über 1000 Tonnen Gold, mehr als das Doppelte des langjährigen Durchschnitts von 473 Tonnen jährlich. Polen führt das Ranking mit 90 Tonnen an, gefolgt von der Türkei mit 75 Tonnen. Selbst etablierte Goldhalter wie Deutschland verkauften lediglich 1,12 Tonnen für Münzprägungen, während die Gesamtreserven der Zentralbanken mit 36.197 Tonnen einen neuen Höchststand erreichten.

 

Der Anteil der Zentralbankkäufe an der weltweiten Goldnachfrage verdeutlicht die Tragweite: von nur zwei Prozent im Jahr 2010 auf 23 Prozent in 2024. Diese Entwicklung reflektiert nicht nur die Suche nach Diversifikation, sondern auch das schwindende Vertrauen in die traditionelle Dominanz des US-Dollars. China reduzierte seine US-Staatsanleihenbestände von 1,1 Billionen Dollar vor dem Ukraine-Krieg auf etwa 775 Milliarden Dollar, während es gleichzeitig massiv Gold akkumuliert. Besonders aufschlussreich ist dabei die Beobachtung von Bank of America-Analysten: Der Wert des von staatlichen Investoren gehaltenen Goldes beträgt inzwischen 18 Prozent der US-Staatsverschuldung, fünf Prozentpunkte mehr als noch vor zehn Jahren.

 

Zu diesen Verschiebungen kommt eine wachsende Unsicherheit über die Stabilität der US-Geldpolitik selbst hinzu. Die Unabhängigkeit der US-Notenbank wird zunehmend infrage gestellt. Trump hat angekündigt, eine Ablösung von Fed-Chef Jerome Powell anzustreben, während er zugleich öffentlich Druck für Zinssenkungen macht. Solche Entwicklungen untermauern die Befürchtungen vieler Zentralbanken vor einer Politisierung der US-amerikanischen Geldpolitik und verstärken den Trend zu alternativen Währungsreserven. Die Zahlen der französischen Schuldenkrise verdeutlichen zusätzlich die Fragilität traditioneller Reservewährungen: Mit einer Schuldenquote von 114 Prozent des BIP und einem Defizit von sechs Prozent zahlt Frankreich inzwischen höhere Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen als Griechenland.

 

Für Anleger ergeben sich daraus klare Implikationen. Goldman Sachs prognostiziert einen Goldpreisanstieg auf 4000 US-Dollar bis 2026, zum Jahresende 2025 halten die meisten Analysten einen Goldpreis von 3500 US-Dollar pro Feinunze für realistisch. Wiederum Goldman Sachs schätzt, dass bereits 100 Tonnen zusätzliche physische Nachfrage den Goldpreis um mindestens 2,4 Prozent anheben. Die fundamentalen Treiber sprechen für eine nachhaltige Unterstützung des Goldpreises. Die US-Staatsschuldenquote liegt bei 121 Prozent des BIP und dürfte unter der aktuellen Regierung weiter steigen. Gleichzeitig planen laut World Gold Council 43 Prozent der befragten Zentralbanken eine weitere Erhöhung ihrer Goldreserven, der höchste Wert seit acht Jahren.

 

Die aktuelle Goldpreisentwicklung unterscheidet sich dabei indes fundamental von früheren Phasen. Während das Edelmetall traditionell bei steigenden Zinsen unter Druck geriet, hat es sich von diesem Muster entkoppelt. Die Nachfrage der Zentralbanken bildet eine strukturelle Untergrenze, die unabhängig von kurzfristigen Zinsbewegungen wirkt. Für konservative Portfolios bedeutet dies eine Neubewertung der Rolle von Gold. Die Empfehlung einer behutsamen Allokation von zehn bis 20 Prozent in Edelmetalle – beispielsweise kombiniert mit hochwertigen Unternehmensanleihen und dividendenstarken Aktien – spiegelt diese neue Realität wider. Gold ist damit nicht mehr nur Krisenwährung, sondern Baustein einer diversifizierten Währungsreservenstrategie in einer multipolaren Welt. Wer diese Entwicklung frühzeitig erkennt und behutsam in sein Portfolio integriert, positioniert sich für die Realitäten des 21. Jahrhunderts.

weitere Neuigkeiten

23.01.2026
Marktkommentar Januar 2026: Trump, Zölle, Polarisierung – Rückblick auf das Jahr 2025

Der Marktkommentar Januar 2026 beschäftigt sich mit dem Fazit und Ausblick 2026.

Ein Jahr mit hoher Ereignisdichte, das die Finanzmärkte sowohl vor strukturelle Herausforderungen als auch vor neue Bewertungsfragen stellte. Geopolitisch markierte der israelisch-iranische Konflikt im Juni einen riskanten Höhepunkt, der jedoch durch diplo­matische Bemühungen und eine temporäre Waffen­ruhe im Gazastreifen wieder in eine fragile Stabilität überführt werden konnte. Parallel dazu trat der Ukraine-Konflikt in eine Phase intensiver diploma­tischer Verhandlungen ein. Trotz der anhaltenden militärischen Intensität sorgten Friedenspläne und Gipfeltreffen für eine erste greifbare Perspektive für einen eingefrorenen Konflikt oder eine diplomatische Lösung. In Asien kam es auch zwischen Indien und Pakistan sowie zwischen Kambodscha und Thailand zu kürzeren kriegerischen Auseinandersetzungen. Wenngleich diese Konflikte den Kapitalmarkt beein­flussen, waren es insbesondere die Zollankündigen, die Verschuldung und die KI-Rallye, die den Markt 2025 bestimmten.

14.01.2026
Webinar: „Politik im Aufschwung? Wirtschaft in der Warteschleife!" am 27. Januar 2026 ab 18:30 Uhr

Die Politik beschwört den Aufbruch, staatliche Investitionen, steuerliche Entlastungen und erste Reformen sollen das Land wieder auf Kurs bringen. Doch in der Wirtschaft überwiegt Zurückhaltung: geopolitische Unsicherheiten, die anhaltende Transformation vieler Branchen und eine schwache Investitionstätigkeit bremsen die wirtschaftliche Dynamik.

In zwei Impulsvorträgen betrachten unsere Referenten die aktuelle Lage aus politischer und ökonomischer Perspektive und geben Orientierung für Entscheidungen in einem unruhigen Umfeld

 

08.01.2026
KI braucht Strom: Versorger werden zu den „Schaufelverkäufern“ der AI-Ökonomie

Rechenzentren, Cloud und KI treiben den Strombedarf nach oben – in den USA wie in Europa. Wer in KI investiert, kommt an der Energiewirtschaft nicht vorbei. Entscheidend ist das Modell: Skalierung mit langfristigen Abnahmeverträgen oder Systemflexibilität als Industriewerkzeug?